| ETA THEATER
MÜNCHEN
Das ETA Theater
produziert seit 1983 unter der Leitung von N. G. Neuner experimentelle
Theaterprojekte. Dabei werden Raum, Form und Inhalt, Bewegung, Sprache
und Ton als gleichwertige künstlerische Mittel eingesetzt. Die Stücke
entstehen auf der Basis eines vorgegebenen Konzepts durch Improvisation.
| Die
Konzeption ist filmisch geprägt. Schnitt, Gegenschnitt, Rückblende,
Zeitlupe und Zoomtechnik werden zu einem Theaterabend komponiert,
der mit grotesker Übersteigerung und der Verknappung sprachlicher
und szenischer Mittel arbeitet. Komische Elemente verhindern, daß
die wiederkehrenden apokalyptischen Mechanismen in melancholischen
Weltschmerz kippen.Im Verlauf der Proben verdichtet sich der Stoff
mehr und mehr auf seine Grundelemente, bis die wesentlichen Schnittpunkte
der Erzählung übrigbleiben. |
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Sick
Brother, 2001
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N. G. Neuner
untersucht "virtual reality" und deren Berührungspunkte
mit dem Theater, wofür er von 1996 bis 2002 mit der ehemaligen Eisenhärterei
auf dem Deckelgelände seinen eigenen Theaterraum bespielte.
Projekte (Auswahl)
2012,
fuck it square,
i-camp, München
Performance von N.G. Neuner
Ist Glück die Abwesenheit von
Angst? Wo ist unsere Welt Zitat, wo echt, wo ist echtes Glück? Oder ist
vielleicht das Abbild schon Glück genug?
In einer Kleinstadt im amerikanischen Mittelwest, im Jahr 2002, kämpfen
die Figuren um den Widerschein des Glücks. „fuck it square“ ist eine
Studie über Hybris, Angst und Flucht. Und oft gewinnen die Figuren noch
nicht einmal den Scheinkampf.
2008, Weihnachten in Mombasa auf dem Schwabinger Weihnachtsmarkt an der
Münchner Freiheit
Surreale Pocket Opera
Ein Ehepaar hat von seinen vier Kindern zu Weihnachten eine Reise nach
Kenia geschenkt bekommen. Da sitzen die beiden nun in ihrem Hotelzimmer,
im Bade, am Kamin, hoch oben über der Stadt, und spüren dem Zauber der
Saison nach. Der Hotelboy Machmud erschlägt in der Zwischenzeit
inportierte Moskitos.
2008, synchron und tot, i-camp,
München im Rahmen des Performance-Festivals Starke Stücke '08
Der Protagonist landet ausgebrannt in einer geschlossenen Anstalt. Um
sich und sein Gefängnis zu ertragen, flüchtet er sich in die Kunst. Bald
werden seine Werke vom internationalen Kunstzirkus gepriesen - das Stigma
des Irren wird nun sein Markenzeichen. „synchron und tot“ handelt vom Hype
um eine Person und wie dieser die Persönlichkeit des Betreffenden und
seine Umgebung verändert. In unserer Gesellschaft gilt, wie hinlänglich
bekannt ist, die Würde des Menschen nichts. Es sei denn, sie wirft Profit
ab. Im Plot durchdringen sich Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft. Die
Übergänge zwischen tatsächlicher und scheinbarer Normalität, zwischen
diagnostiziertem und realem Wahnsinn sind fließend.
2006, Rumänische Weihnacht auf dem Schwabinger Weihnachtsmarkt an der
Münchner Freiheit
Ein Spektakel in zwei Bildern
Mariii und Joseff sind künftige EU-Bürger aus Rumänien, die es zur
Vorweihnachtszeit in den goldenen Westen, nach München verschlagen hat.
Aus den Mülltonnen der Hinterhöfe haben sie sich die Requisiten ihrer
Geschichte zusammen gesucht: Einen alten großen Bassgeigenkasten, eine
kleine kaputte Violine, einen lebensgroßen Fächer mit japanischem Muster,
ausgemustertes Weihnachtslichtwerk, einen Einkaufswagen, hergerichtet als
Babybettchen und mehr. Mariii hat sich mit Herbstlaub und Papierblüten
geschmückt.
Sie bauen ein weihnachtsähnliches Szenarium auf und spielen „Rumänische
Weihnacht“.
2005,
AMERIKA AMERIKA, Theaterzelt DAS SCHLOSS München
Eine
anonyme mittelgroße Stadt in Amerika. Nach dem Zusammenbruch der
russischen Weltmacht, nach dem elften September und nach den fanatischen
Kreuzzügen von George Bush im Irak. Die Welt ist gänzlich aus dem Lot
geraten, und in einer anonymen Todeszelle im amerikanischen Nirgendwo
spielt sich eine ganz persönliche Tragödie ab. AMERIKA AMERIKA rückt
existenzielle Angst und die Würde des Menschen in extremen
Lebenssituationen ebenso ins Blickfeld wie die Prinzipien und Grenzen des
Rechtsstaats, in dem das Recht des Rechtschaffenen in der Todesstrafe
plötzlich zum unmenschlichen Unrecht werden kann.
2001,
Sick Brother, ETA Halle München
Regisseur Rohrdorf präsentiert dem Produzenten Craftwork sein jüngstes
Oeuvre, im Rohschnitt: "Sick Brother".
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Darin treffen sich Moderator Jollmann und Kameramann Coolman auf der
Autobahn bei einem Flugzeugabsturz. Einer schönen Urlauberin
verhilft der Kameramann durch Mund-zu-Mund-Beatmung zurück ins
Leben, infiziert sich aber selbst dabei mit einem seltenen, tödlichen
Virus. In den nächsten 24 Stunden infiziert er durch Küsse
Menschen, die ihrerseits andere infizieren, bis durch den spektakulären
Tod der Urlauberin endlich Identität und Gefahr des Virus bekannt
werden.
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Der Produzent
fordert das Happy End. Er vermisst die Chronologie.
In der unterirdischen Quarantänestation findet sich ein buntes Völkchen
wieder, deren Leben einander kurz zuvor erst gekreuzt hatten. Im Angesicht
des Virus bröckelt dieses vorherige Leben ab, ob getrieben durch
Rache, Geld, Liebe, sozialen Ehrgeiz oder künstlerisches Wollen.
Jeder fragt sich nur, wer mit wem, wodurch und wie. Wer ist schuld, wer
bezahlt die Rechnung, wer überlebt.
Der Produzent schweigt und leidet.
"Film und Theaterrealität, Polit-Doku und Varieté, Performance,
Melodram , Klamotte und Parodie, Neuner gibt alles in seinen Mixer. Und
ganz erstaunlich: Seine zwölf Protagonisten holen aus diesem postmodernen
Hallen-Cocktail so manche exotische Geschmacksnote heraus."
Malve Gradinger, Münchner Merkur, 21./22.10.2001
2000,
Death Row, ETA Halle München
| In
DEATH ROW leben die Menschen für die Zukunft. Voller Angst, das
Leben zu versäumen, wollen sie gierig die prallen Würste
des Schlaraffenlandes genießen - und bekommen doch immer nur
die verkohlten Würste von gestern ab. |
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Jonny Jehoo
soll sterben. Der professionelle Spieler geriet unversehens in ein Verbrechen.
Im Kugelhagel sterben zwei Menschen. Jonnys Komplizen werden zu Haftstrafen
verurteilt, er sitzt nun in der Todeszelle eines amerikanischen Gefängnisses.
Das letzte Begnadigungsgesuch wurde abgelehnt. Jonny muss den bitteren
Gang gehen, die Stadt jubelt. Die Gerechtigkeit hat gesiegt. Der Gouverneur
wird wieder die Wahl gewinnen.
Ein Mann im Angesicht des Todes stirbt eher vor Angst, bevor er öffentlich
stirbt. Auch die Gefängnisverwaltung weiß darum. Jonny erhält
Drogen, die ihm die Gegenwart verwischen, er lebt sein Leben in der Vergangenheit
nochmals, versucht es zu reparieren. Dort trifft er auf seine Freunde,
seine Opfer, seine Rächer, alle auf der Jagd nach dem Leben. Ihnen
bleiben noch Jahre, Jonny hat nur noch Minuten. Er hält sein Schlussplädoyer.
"Weil die Dramaturgie des Horrortrips den Zuschauer vom Bedürfnis
nach Verstehen befreit, erfreut die bizarre Revue nicht zuletzt durch
hingebungsvolle Schauspielerei."
Mathias Hejny, Abendzeitung, 19.5.2000
1999,
Multiple, ETA Halle München
In einem anscheinend stabilen Hochhaus treffen sechs Personen aufeinander,
deren Leben und Wünsche sich immer mehr ineinander verstricken, bis
der Showdown Lebenslügen - und Leben fordert. Lee Sther, eine gescheiterte
Aktrice, war in einem Kaufhaus für Freizeitkriegsbekleidung beschäftigt,
doch sie nutzte die Kundenkartei zum Vertrieb ihrer selbsterfundenen Kriegsfamilienspiele.
Nach ihrer Kündigung besinnt sie sich auf ihren Ex-Ehemann, Prö,
den Architekt des Hochhauses. Der muss sich gerade mit Materialfehlern
und Unterschlagungsklagen auseinandersetzen und hofft, die gemeinsame,
depressive Tochter wieder der Mutter anzuhängen. So folgt er dem
Ruf seiner Ex-Frau. In ihrer Wohnung taucht die schwangere Tochter Genevieve
auf. Prö rettet die Nachbarin, die an einer Außenweltallergie
leidende Wundbildnerin Ri. Sie hatte fürs Internet einen Selbstmordversuch
inszeniert. Vor der Tür trommelt Sinnclair, der mit seiner eigenen
Tochter als Köder eventuelle Kinderschänder auftreiben will.
Sanitäter werden angerufen, Pläne durchkreuzt und eigene Vorteile
schamlos auf Kosten der anderen gesucht. Über ein Kontrollwindow
oder Internet-Kameras mit der Außenwelt verbunden, haben sich alle
auf ihre Privatinseln zurückgezogen. In dieser Konfrontation brechen
die Fiktionen auf, platzen Vertuschungsmanöver, berühren sich
gemeinstes Verbrechen und hochmoralische Ansprüche.
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Zuletzt stehen sich Lee und Genevieve gegenüber. Als Brandgeruch
über die Schächte in die Wohnung steigt, ruft Lee in panischer
Angst bei Ri an. Sie vermutet dort ihren Gatten. Prö liegt grässlich
verstümmelt in ihrer Maisonette. Die erste Etage des Hochhauses
steht in Flammen. Zwischen Mutter und Tochter steht ein Fläschchen
Säure... |
"Sex
und Blut und schrille Schreie kommen mit den Nebenfiguren im Lichtkegel
über die Hintertreppe. Am Schluss, nach einer notvoll schönen
Annäherung von Mutter und Tochter, geht alles kaputt. Es soll ein
Hochhaus gewesen sein. Wer hat die Lunte gelegt?"
Ingrid Seidenfaden, Abendzeitung, 28.4.1999
1997,
Kirkestraat, ETA Halle München
1945 bricht das Tausendjährige Reich in sich zusammen. Not, Angst
und Hunger weichen nur langsam dem hoffnungsvollen Blick in die Zukunft.
Kriegsverbrecherprozesse, Entnazifizierung, politische Restriktionen wandeln
das ehemalige Kriegsdeutschland in einen soliden, europäischen Partner.
Ranst, ein kleiner Marktflecken vor den Toren Antwerpens, zwei Wochen
nach seiner Befreiung: Die Menschen sind arm. Die Zeit hat sie alle, keinen
vergessend, hart bestraft. Ein Menschenauflauf auf dem Marktplatz von
Ranst! Erhobene Fäuste, Wutschreie, Geifer. Inmitten des Gedränges
die junge Frau und der Barbier. Jener, unter dem Gejohle der Menge, rasiert
die Bleiche, wo immer sie Haare besitzt. In einem Leiterwägelchen
nahe der Geächteten schaut deren dreijähriges Töchterchen
der rüden Tat zu. Die Dreijährige, die den Kastrationsakt an
der Mutter miterlebt, ist ein Spagatkind. Das eine Füßchen
in Deutschland, das andere in Flandern.
Knapp 30 Jahre später reist jener Bastard, nun längst zur Frau
gereift, in das prosperierende Land ihres Erzeugers. Doch ihr Vater bleibt
verschollen. In München verliebt sie sich in einen Deutschen und
heiratet ihn. Nach einer kurzen Ehe, die den Feuerhöllen mancher Kriegsschauplätze
ähnelt, flieht sie gebrochen außer Landes.
Ein Land wird unterjocht. Eine Belgierin wird von einem Deutschen im Frieden
vergewaltigt.
Die Vergangenheit beider Länder spiegelt sich in diesen Bürgern
wieder.
Nach Auflösung ihres Lebens treffen sich Täter wie Opfer im
Irrenhaus in Sussex wieder. Sie, die Zertrümmerte, züchtet dort
deutsches Kraut, um es zu vernichten. Ihr Hass ist ihre Sonne. Er,
dessen Gedanken ein Unfall spaltete, gleitet im Sterben auf dem Geleis
seines Opfers dahin. Die im Hass befriedete und der Taube wirken
am Ende ihrer Zeit wie ungleiche Geschwister: Sie wie das Wasser, er wie
der Atem, der gehörlos über ihre spiegelnden Flächen weht.
"Wenn man sich von Begriffen und dem ewigen Begreifenwollen löst,
hat man ein teuflisches Vergnügen."
Ralph Hammerthaler, Süddeutsche Zeitung, 13.11.1997
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